Montag, 08. August 2022

Informationsveranstaltung zum geplanten Brückenbau wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet

„Verplante“ Planer, besorgte Bürger, „falscher Film“

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Edingen-Neckarhausen, 20. November 2013. (red/ms) Der Andrang war gewaltig: Fast vierzig Besucher waren gestern bei der Gemeinderatsitzung – das ist rekordverdächtig. Auch Bürgermeister Roland Marsch spricht davon, sich nicht erinnern zu können, jemals so viele Zuschauer gehabt zu haben. Grund für das zahlreiche Erscheinen war ein Vortrag über ein Bauhvorhaben zwischen Neu-Edingen und Seckenheim: Die alten, heruntergekommenen Brücken sollen durch eine neue ersetzt werden. Allerdings warf die Informationsveranstaltung mehr Fragen auf als sie beantwortete.

Von Minh Schredle

Die beiden Brücken zwischen der Neckarhauser Straße und dem Autobahnanschluss von Seckenheim sind in einem schlechten Zustand. So schlecht, dass eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich wäre. 2002 wurden notdürftige Maßnahmen durchgeführt, trotzdem spricht Klaus-Dieter Lang, Abteilungsleiter für Straßenwesen und Verkehr beim Regierungspräsidium Karlsruhe, von der „schlechtesten Autobahnbrücke im gesamten Bezirk“.

Herr Lang war gestern Abend in Edingen-Neckarhausen, um den Bürgern Auskunft über die Bauvorhaben zu geben. Mit dabei sind einige Kollegen: Der zuständige Bauleiter, eine Lärmschutzbeauftragte, ein Mann für den ökologischen Ausgleich. Wirklich zu Wort kam aber nur einer von ihnen: Herr Turmkeller, der verantwortliche Projektingenieuer.

Fokus auf dem Verkehr

Der hielt nämlich eine Powerpoint-Präsentation, in der das Vorhaben vorstellte. Der betroffene Streckenabschnitt ist knapp 900 Meter lang. Die Bauarbeiten sollen etwa 14 Millionen Euro kosten. Und 35 Monate lang dauern. Dadurch wird sich das Verkehrsaufkommen in der Gemeinde erhöhen, vermutlich um etwa zehn Prozent.

Das bedeutet pro Tag etwa 1.000 Fahrzeuge mehr im Ort. In den Spitzenstunden eine zusätzliche Belastung von etwa 100 Autos. Dies sei allerdings „kaum zu bemerken“, wenngleich es bei vielbefahrenen Knotenpunkten, etwa der Kreuzung von Mannheimer Straße und Hauptstraße, zu „kleineren Rückstaus“ kommen könnte.

Die Gesichter der Zuschauer sind nicht gerade begeistert – verständlich, denn schließlich ist das Verkehrsaufkommen ohnehin schon überdurchschnittlich. Doch verglichen mit den anderen Problemen, die sich durch die Baumaßnahme ergeben, ist das noch eher eine Nichtigkeit.

Was ist mit den Anwohnern?

Die beiden Brücken wurden in den 1940-er Jahren errichtet. Seitdem hat sich baurechtlich Einiges verändert und viele neue Auflagen müssen beachtet werden. Somit wird die neue Brücke 1,50 höher werden als die alten. Auch die Lärmschutzwalle werden deutlich an Höhe zulegen: Je nach Stelle zusätzliche zwei bis fünf Meter. Für die direkten Anwohner ist das eine Katastrophe.

Haben Sie mal überlegt, wie das für uns aussehen soll?

ruft einer der Zuschauer dazwischen, als der Punkt angesprochen wird. Etwas verwirrt bittet Herr Turmkeller darum, die Fragen am Ende des Vortrags zu stellen. Seine Bitte wird nicht beachtet. Als er im nächsten Satz ankündigt, dass es zusätzlich zu den zwei Fahrspuren bald auch Standstreifen, die bislang noch fehlen, geben wird, ruft es schon wieder dazwischen:

Wie viel breiter wird die Fahrbahn?

Auch diese Frage bleibt vorerst unbeantwortet. Auf die Anliegen der Anwohner wird im Vortrag wenig Rücksicht genommen – er dreht sich fast ausschließlich um die Auswirkungen auf den Verkehr. Beiläufig wird erwähnt, dass ein paar Privatgrundstücke für die Bauarbeiten in Anspruch genommen werden müssten – allerdings nur vorübergehend und gegen „irgendeine Entschädigung“.

Viele Fragen, kaum Antworten

Als die Bürger Fragen stellen dürfen, meldet sich als erster ein Herr Boxheimer. Er war einer derjenigen, die schon während des Vortrags dazwischengerufen haben. Außerdem besitzt er ein Grundstück in der Platanenstraße, die parallel zur Brücke verläuft:

Wenn ich heute aus meinem Fenster oben im Dachgeschoss gucke, kann ich gerade so noch über den Wall gucken. Soll ich in Zukunft dann eine Wand anstarren? Im Winter habe ich ohnehin kaum Sonne. Werde ich dann überhaupt noch Sonne kriegen, wenn der Wall noch höher wird? Wie hoch soll der Wall denn an dieser Stelle werden?

Offenbar hat die Frage die Planer auf dem falschen Fuß erwischt. Etwas verlegen erwidern sie, dass man auf dermaßen spezifische Fragen nicht vorbereitet sei. Herr Boxheimer lässt sich nicht beirren und hakt weiter nach:

Was ist mit dem Wertverlust meines Grundstücks? Ist geplant, dass ich und andere, die ebenfalls betroffen sind, dafür irgendwie entschädigt werden?

Man habe sich noch keine Gedanken darüber gemacht, bekommt er als Antwort zu hören. Herr Boxheimer geht noch einmal auf den Punkt ein, dass Privatgrundstücke für die Bauarbeiten verwendet werden sollten. Sein Grundstück ist davon betroffen. Er fragt nach, um welche Fläche es sich handelt – die Antwort entrüstend: Nach kurzem Blick auf die Karte heißt es:

Etwa 120 Quadratmeter.

Herrn Boxheimers anfängliche Besorgnis ist nun in Wut umgeschlagen, seine Aussagen bekommen einen immer offensiveren Unterton. Er spricht entsetzt von „Enteignung“. Davon, dass sein Garten vollkommen wertlos werde. Davon, dass ihm Nachtarbeiten den Schlaf rauben werden. Doch er ist nicht der einzige, der unter den Bauvorhaben zu leiden hat.

Verplante Planer

Viele betreiben ein Gewerbe in der Gegend, befürchten massive Verluste durch die Sperrung der Autobahn. Und die Planer müssen sich den wütenden Fragen aussetzen. Wieder ergreift Herr Boxheimer das Wort. Mittlerweile ist es keine Wut mehr, sondern eher verzweifelter Zyninismus:

Übrigens, entlang der Bahngleise, zwischen der Platanenstraße 15 und 23 gibt es eine Sandsteinmauer. Ich glaube, die könnte den Bauarbeiten im Weg sein. Was passiert mit der? Wird die einfach abgerissen?

Auch das habe man noch nicht bedacht. Den meisten Besuchern ist das zu viel. Einer ruft:

Was seid ihr eigentlich. Planer oder Verplaner?

Viele lachen. Kleinlaut gestehen die Planer ein, man habe sich hauptsächlich um die Auswirkungen auf den Verkehr fokussiert, dabei könnte es sein, dass die Bedürfnisse der Bewohner nicht ausreichend beachtet worden seien.

Fassungslose Gemeinderäte

Jetzt mischen sich auch die Gemeinderäte ein. Bislang hatten sie die Diskussion still verfolgt. Zuerst meldet sich Ulrike Janson von den Grünen zu Wort:

Entschuldigung, aber ich glaube, ich bin im falschen Film. Der LKW-Verkehr ist jetzt schon eine massive Belastung für die Gemeinde. Und das soll jetzt noch mehr werden? Die Strecke ist keine 900 Meter lang. Und trotzdem sollen die Arbeiten drei ganze Jahre lang dauern? Und wie kann es sein, dass man in der Planung bei einem so dicht besiedelten Gebiet keinerlei Rücksicht auf die Bürger genommen hat?

Auch der Rechtsanwalt Michael Bangert (SPD) hat etwas nachzufragen:

Es stimmt, dass es ein Anrecht auf Lärmschutz gibt. Aber ebenso gibt es ein Anrecht auf Sonnenlicht. Ist das, was ihr da geplant habt, überhaupt baurechtlich zulässig?

Die Planer werden immer verlegener. Das wisse man noch nicht. Es werde sich im Planungsverfahren zeigen.

Der Bürgermeister interveniert

Fassunglosigkeit im ganzen Saal. Gut vorbereitet, ist jedenfalls was anderes. Um Schadensbegrenzung bemüht, schlägt Herr Lang vor:

Das Planungsverfarhren wird vermutlich im Januar eingeleitet. Dann liegen die Pläne hier vier bis sechs Wochen lang aus. Da können Bedenken und Stellungnahmen eingebracht werden. Außerdem können wir gerne eine Bürgersprechstunde an ein oder zwei Tagen einrichten. Da werden wir dann besser vorbereitet sein und können auch spezifische Anfragen beantworten.

Richtig zufriedenstellen wollte das die Zuschauer nicht. Doch bevor es wieder zu scharfzüngigen Diskussionen kommen konnte, intervenierte Bürgermeister Roland Marsch (SPD):

Ich will die Diskussion hier auf keinen Fall abwürgen. Aber was viele scheinbar vergessen, ist, dass diese Maßnahmen schlichtweg notwendig sind. Und Belastungen müssen nunmal in Kauf genommen werden, so bitter das auch sein mag. Aber wir können auch nicht warten, bis uns die Brücken zusammenbrechen. Es gibt keine Alternative zum Neubau und da muss man sich nun mal an geltendes Recht halten – auch wenn das für den ein oder anderen sicher schlimme Konsequenzen hat. Es ist gut, dass das Regierungspräsidium hier mit offenen Karten spielt. So können wir sicher die bestmögliche Lösung finden.

Die besorgten Anwohner zeigten sich nach wie vor frustriert – aber einsichtig, dass es wohl keine andere Möglichkeit gäbe. In fast zwei Stunden wurde aus einer Informationsveranstaltung eine aggressive Diskussion. Die Gäste aus Karlsruhe wirkten dabei alles andere als souverän. Allerdings muss man ihnen zu Gute halten, dass es eine verdammt undankbare Aufgabe ist – ein Projekt planen zu müssen, mit dem man unmöglich alle zufrieden stellen kann.

Über Minh Schredle

Minh Schredle (22) hat 2013 als Praktikant bei uns angefangen und war seitdem freier Mitarbeiter. Von Dezember 2014 bis August 2016 hat er volontiert. Ab September 2016 ist er freier Mitarbeiter bei uns.